OECD-Steu­er: War­um ein Nein?

März 2023. Die Sache erscheint im ersten Moment kniff­lig: Am 18. Juni stim­men wir über die soge­nann­te OECD-Steu­er ab. Sie ist eine wun­der­ba­re Sache, weil die­se Kon­zern-Steu­er erst­mals glo­bal ein wenig Gerech­tig­keit schafft. Trotz­dem soll­ten wir der Paro­le der SP Schweiz fol­gen und ein Nein ein­wer­fen. Denn die bür­ger­li­che Mehr­heit will die Zusatz­ein­nah­men den Kon­zer­nen indi­rekt wie­der zurück­er­stat­ten. Das kön­nen wir mit einem Nein ver­hin­dern – und zwar risi­ko­los, weil wir dies­mal «Fig­gi und Müli» haben. Doch der Rei­he nach …

Eine gute Steuer!

Nach 40 Jah­ren neo­li­be­ra­ler Wirt­schafts­po­li­tik ist die OECD-Steu­er ein erster Hoff­nungs­schim­mer. Bis­her erpress­ten die Mul­tis die Natio­nen und deren Völ­ker, indem sie dort ihre Steu­ern zah­len konn­ten, wo die Tari­fe am tief­sten waren und nicht dort, wo sie ihr Geld ver­die­nen. Damit begann ein «Race to the bot­tom», bei dem die Kon­zer­ne immer rei­cher und vie­le Staa­ten finan­zi­ell aus­ge­hun­gert wur­den. Die Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) schiebt dem nun einen Rie­gel: Alle welt­weit täti­gen Kon­zer­ne mit einem Umsatz von mehr als 750 Mil­lio­nen Euro müs­sen ab 2024 min­de­stens 15 Pro­zent Steu­ern zah­len, unab­hän­gig von ihrem Standort-Staat.

Kei­ne Wahl

Die neue Regel trifft das Schwei­zer Geschäfts­mo­dell mit sei­nem Steu­er­dum­ping-System emp­find­lich. Punk­to Glo­bal-Play­er herrscht bei uns näm­lich Dich­te­stress. Heu­te pro­fi­tie­ren 200 bis 300 Mul­tis sowie rund 2000 Able­ger von aus­län­di­schen Kon­zer­nen davon, dass sie hier­zu­lan­de weni­ger als 15 Pro­zent Steu­ern entrichten.

Trotz­dem macht die Schweiz bei der OECD-Steu­er brav mit. Dies frei­lich nicht aus Soli­da­ri­tät, son­dern weil sie kei­ne Wahl hat. Denn, und das ist der Punkt: Ver­wei­gert sich unser Land der neu­en Steu­er, hat das Aus­land das Recht, in der Schweiz ansäs­si­ge Kon­zer­ne über eine Zweig­nie­der­las­sung zu besteu­ern und auf die­sem Weg auf unser Steu­er­sub­strat zuzu­grei­fen. Eine unge­müt­li­che Ausgangslage.

Bür­ger­li­che Schlaumeierei

Dar­um griff die bür­ger­li­che Mehr­heit zu einer Schlau­meie­rei. Sie setz­te im Par­la­ment durch, dass 75 Pro­zent der geschätz­ten Steu­er­ein­nah­men von 1,5 bis 2,5 Mil­li­ar­den Fran­ken den Kan­to­nen zugu­te­kom­men und der Bun­des­an­teil von 25 Pro­zent für Mass­nah­men zu Stand­ort­för­de­rung ver­wen­det wer­den muss. Wor­auf dies hin­auf­läuft, liegt auf der Hand: Um ihren Steu­er- und Stand­ort­vor­teil zu ver­tei­di­gen, wer­den die betrof­fe­nen Tief­steu­er­kan­to­ne wie Zug und Basel­stadt mit den Zusatz­ein­nah­men und unter­stützt durch den Bund ver­su­chen, neue Steu­er­sen­kungs­run­den für Unter­neh­men und Aktio­nä­re durch­zu­set­zen sowie Dienst­lei­stungs- und Infra­struk­tur­ko­sten für die Kon­zer­ne zu übernehmen.

Anders gesagt: Was mit der neu­en OECD-Steu­er ein­kas­siert wür­de, gin­ge über Umwe­ge gleich wie­der zurück an die Mul­tis. Und die Bevöl­ke­rung guck­te in die Röh­re: kein Geld für Kitas, kei­ne Prä­mi­en­ver­bil­li­gun­gen, kein Teue­rungs­aus­gleich für AHV-Ren­ten. Kurz­um: Ein schlech­ter Witz!

Ein Nein bringt Fairness

Dar­um braucht es ein Nein an der Urne. Mit der Ableh­nung des neu­en Ver­fas­sungs­pas­sus‘ kann erstens ein wei­te­res Anhei­zen des inter­kan­to­na­len Steu­er­wett­be­werbs ver­hin­dert wer­den. Es kann zwei­tens dafür gesorgt wer­den, dass Bun­des­rat und Par­la­ment eine Mit­tel­ver­tei­lung beschlie­ssen, wel­che die Kauf­kraft der brei­ten Bevöl­ke­rung stärkt. Und drit­tens wür­de die Bevöl­ke­rung damit zum Aus­druck brin­gen, dass Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät durch Inve­sti­tio­nen in Lebens­qua­li­tät, sozia­le Sicher­heit und Infra­struk­tur ent­steht, nicht durch Steuersubventionen.

«Fig­gi und Müli»

Das alles ist durch­setz­bar, ohne dass das Nein Risi­ken birgt. Denn Tat­sa­che ist: Die OECD-Steu­er kommt so oder so und ohne, dass ein ein­zi­ger Steu­er­fran­ken ver­lo­ren geht. Der Grund: Bei einem Nein wer­den sich Bun­des­rat und bür­ger­li­ches Par­la­ment wie von der Taran­tel gesto­chen beei­len, bis im Herbst eine neue Vor­la­ge mit einer fai­ren Ver­tei­lung der Ein­nah­men vor­zu­le­gen. Alles ande­re hie­sse näm­lich, ab 2024 zuzu­las­sen, dass frem­de Staa­ten die hier ansäs­si­gen Kon­zer­ne besteu­ern. Und das scheut die bür­ger­li­che Mehr­heit wie der Teu­fel das Weihwasser.

Tech­nisch ist die Neu­auf­la­ge ohne­hin kein Pro­blem: Wenn unse­re Regie­rung fähig ist, innert 72 Stun­den eine Gross­bank zu ret­ten, dann schafft sie es locker, innert 72 Stun­den auch ein neu­es Modell für die Mit­tel­ver­tei­lung aus­zu­ar­bei­ten und dem Volk recht­zei­tig vor Inkraft­tre­ten der OECD-Steu­er zur Abstim­mung vorzulegen.

Dar­um: Die Bevöl­ke­rung hat dies­mal «Fig­gi und Müli». Es wäre jam­mer­scha­de, sich die­se Gele­gen­heit für eine sozia­le Kor­rek­tur ent­ge­hen zu lassen.

Autor: Wal­ter Langenegger

Foto von Pixabay

Zah­len und Fak­ten
zur OECD-Mindeststeuer
  • Welt­weit haben sich die Steu­er­sät­ze für Kon­zer­ne seit 1980 im Durch­schnitt von rund 50 Pro­zent auf etwa 22 Pro­zent mehr als hal­biert. Eine ähn­li­che Ent­wick­lung hat auch in der Schweiz statt­ge­fun­den: Der Tarif­satz für Unter­neh­men sank im glei­chen Zeit­raum mas­siv, und zwar sowohl auf Bun­des- und Kan­tons­ebe­ne und erst recht in den Tief­steu­er­kan­to­nen. In Zug und Schwyz bei­spiels­wei­se lie­gen die Steu­er­sät­ze für Unter­neh­men der­zeit bei 12,3 bzw. 11,6 Prozent.
  • Die Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD) rech­net damit, dass die Min­dest­steu­er für mul­ti­na­tio­na­le Unter­neh­men ins­ge­samt mehr als 150 Mil­li­ar­den US-Dol­lar pro Jahr ein­brin­gen wird.
  • Mit der OECD-Min­dest­steu­er sehen sich nebst der Schweiz auch ande­re Staa­ten gezwun­gen, eine Ergän­zungs­steu­er ein­zu­füh­ren, um kein Steu­er­sub­strat zu ver­lie­ren. Dazu gehö­ren Irland, Ungarn, Zypern oder Litau­en, aber auch US-Bun­des­staa­ten wie Dela­ware und Neva­da sowie Off­shore-Staa­ten wie die Kaimaninseln. 
  • Laut einem Bericht von Bloom­berg Ende 2021 sind fol­gen­de Kon­zer­ne von der OECD-Steu­er am stärk­sten betrof­fen: Apple, Micro­soft, Alpha­bet (Goog­le), Ama­zon, Face­book, JPMor­gan Cha­se, Berkshire Hat­ha­way, John­son & John­son, Proc­ter & Gam­ble und Visa. 
 
 
 

Als Quel­len für die­sen Text dien­ten Unter­la­gen der SP Schweiz, die Web­sei­te des Eidg. Finanz­de­par­te­ments zur OECD-Steu­er und die KI-Platt­form «ChatGPT».

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