DIE SER­BI­SCHE ZEITSCHLEIFE

Ser­bi­en ist ein Land, das nur ein Stein­wurf von den alten west­eu­ro­päi­schen Län­dern ent­fernt ist und des­sen Men­schen uns so ver­traut erschei­nen, weil sie eigent­lich sind wie wir. Kaum etwas unter­schei­det sie in beson­de­rem Mas­se von uns. Gleich­wohl ist uns die­ses Land so fremd, als läge es auf einem ande­ren Kontinent.

Mai 2024. Es ist ein Land, das sich mit sei­ner über­stei­ger­ten Glo­ri­fi­zie­rung des mit­tel­al­ter­li­chen Kampfs gegen die Osma­nen, sei­nem aus der Zeit gefal­le­nen Pan­sla­wis­mus, sei­nem Wie­der­auf­le­ben der Ortho­do­xie, sei­ner gewalt­tä­ti­gen Anma­ssung gegen­über sei­nen Bru­der­völ­kern auf dem Bal­kan und sei­ner Emp­fäng­lich­keit für alles Auto­ri­tä­re in eine Zeit­schlei­fe hin­ein­ma­nö­vriert hat – eine Zeit­schlei­fe, die eine eige­ne Logik und Rea­li­tät schafft. Und eine Zeit­schlei­fe, die es heu­te einer faschi­sto­iden und natio­na­li­sti­schen Ober­schicht unter Prä­si­dent Vucic’ Füh­rung erlaubt, sich einen gan­zen Staat als Beu­te zu neh­men, die Bevöl­ke­rung mit mafiö­sen Struk­tu­ren und Metho­den zu beherr­schen und Ser­bi­en zu einem Hoch­si­cher­heits­ri­si­ko für Euro­pa zu machen.

Ser­bi­en ist auf sei­ne Geschich­te und ins­be­son­de­re aufs Mit­tel­al­ter fixiert. Damit zele­briert es natio­na­le Iden­ti­tät und recht­fer­tigt sei­ne Poli­tik und sei­ne Ansprü­che gegen­über den ande­ren Völ­kern auf dem Bal­kan. Dem­entspre­chend wich­tig sind histo­ri­sche Stät­te wie die Festung Sme­de­revo, erbaut zwi­schen 1427 und 1430 vom ser­bi­schen Für­sten Durad Bran­ko­vix als “Kon­stan­ti­no­pel” des Bal­kans gegen die Osma­nen. Aller­dings hielt die Festung dem osma­ni­schen Anstrum nicht stand und wech­sel­te im Lau­fe der Zeit immer wie­der in die Hand frem­der Mächte.

Fast scheint es so, als ob die Geschich­te mit dem jet­zi­gen auto­kra­ti­schen Ser­bi­en jenes Schick­sal bekräf­ti­gen will, das sie schon vor zwei­tau­send Jah­ren für die Pan­no­ni­sche Tief­ebe­ne aus­ge­wählt hat: das Schick­sal der fort­wäh­ren­den poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und reli­giö­sen Ver­wer­fun­gen. Denn das ist es, was die­sen Land­strich seit Jahr­hun­der­ten wider­fährt. Zwar waren auch ande­re Gebie­te Euro­pas immer wie­der Opfer von Ver­hee­rung und Ver­wü­stung. Doch für das, was heu­te als ser­bisch gilt, schei­nen Zer­stö­rung, Ent­wur­ze­lung und Unrecht eine Art ewi­ge Kon­stan­te zu sein.

Von den Stäm­men der Völ­ker­wan­de­rung über Rei­ter­völ­ker aus dem Osten, über Byzanz bis hin zum Osma­ni­schen Reich und zum Habs­bur­ger­reich: Immer wie­der strit­ten sich Mäch­te um die­se wei­te, frucht­ba­re Ebe­ne; immer wie­der wur­de sie neu besie­delt und urbar gemacht, um bald erneut erobert, geschleift und ent­völ­kert zu wer­den. Besied­lung und Ver­trei­bung, ein nicht enden wol­len­der Kreis­lauf, bis hin zum Jugo­sla­wi­en­krieg. Nichts scheint Bestand zu haben – ausser der Donau, deren Erha­ben­heit son­der­glei­chen sucht und selbst dem Strom der Zeit unbe­ein­druckt trotzt.

Die Donau bei Grocka: Die Erha­ben­heit die­ses zweit­gröss­ten Stroms in Euro­pa nach der Wol­ga sucht ihres­glei­chen. In die­ser Regi­on fliesst sie ent­lang einer fla­chen Hügel­ket­te im Westen, wäh­rend sich öst­lich davon die fla­che und frucht­ba­re Voj­vo­di­na bis zu den rumä­ni­schen Kar­pa­ten erstreckt, deren Umris­se man am Hori­zont erblickt. 

Und so emp­fängt Ser­bi­en auch den Frem­den, wenn er von Nor­den her ein­reist. Noch auf der Auto­bahn in Kroa­ti­en erin­nert erst die Aus­fahrt nach Ban­ja Luka an die von Ser­ben ver­üb­ten Mas­sa­ker in Bos­ni­en, und dann jene nach Vuko­var an die Zer­stö­rung der Stadt 1991 durch die ser­bi­sche Armee. Das lässt die Anspan­nung beim Grenz­über­gang Batrov­ci spür­bar wer­den: erst die kroa­ti­sche Pass­kon­trol­le, dann die ser­bi­sche, bei der Pass, Auto und Auto­pa­pie­re kon­trol­liert wer­den sowie eine kur­ze Befra­gung erfolgt.

Das frei­lich lässt die Fahrt durch das Land nach der Gren­ze zwi­schen Save und Donau rasch ver­ges­sen: Frucht­ba­re Fel­der, soweit das Auge reicht, weit­ge­hend unbe­baut, durch­zo­gen zuwei­len von sanf­ten Hügel­zü­gen; in den Sied­lun­gen und Städ­ten ein gewis­ser Wohl­stand mit Gewer­be und Indu­strie — was davon zeugt, dass Ser­bi­ens Wirt­schaft robu­ster ist als man mei­nen könn­te. Und die Men­schen sind freund­lich. Nor­ma­li­tät, solan­ge es ums All­täg­li­che geht, ver­gleich­bar mit jedem ande­ren Land.

Fla­ches, frucht­ba­res Land öst­lich der Donau und sanf­te Hügel­land­schaft west­lich davon.

Doch Nor­ma­li­tät ist rela­tiv. Zum Bei­spiel in Novi Sad, zweit­gröss­te Stadt in Ser­bi­en. In den letz­ten 150 Jah­ren ver­än­der­te sich die Bevöl­ke­rungs­struk­tur tief­grei­fend. War sie einst wie die K.u.K‑Monarchie eine Viel­völ­ker-Stadt, wird sie heu­te vor­wie­gend von Ser­ben bewohnt. Zwei Bau­ten sym­bo­li­sie­ren die geschicht­li­chen Ver­wer­fun­gen in die­ser Zeit­span­ne: die habs­bur­gi­sche Festung von Petro­va­ra­din am rech­ten Ufer der Donau und die neue Frei­heits­brücke über den Strom. Die Festung war ein Boll­werk gegen die Osma­nen, wäh­rend die Brücke das Ziel der Nato-Bom­ben im Koso­vo-Krieg war und spä­ter mit Gel­dern des Westens wie­der auf­ge­baut wurde.

Oben die Festung Petro­va­ra­din in Novi Sad und unten die wie­der auf­ge­bau­ten Brücken der Stadt über die Donau: Die­se Bau­werk ste­hen für die Geschich­te Novi Sads der letz­ten 300 Jah­re. Die Festung war eines der wich­tig­sten Boll­wer­ke der K.u.K.-Monarchie gegen die Osma­nen und Sym­bol für die neue Herr­schaft auf dem Bal­kan; und Brücken wur­den im Koso­vo­krieg 1999 von der Nato alle zer­stört, um die Ser­ben zu stop­pen. Das gilt auch für die Frei­heits­brücke, die heu­te hell im Son­nen­licht erstrahlt, nach­dem der Westen ihre Wie­der­auf­bau finan­ziert hatte. 
Unten: Impres­si­on aus Novi Sad, dar­un­ter das Kaser­nen­dorf mit sei­nen roten Dächern, der Uhr­turm der Festung und das Rathaus.

Die Bom­ben haben Ser­bi­en zwar gestoppt, nicht aber des­sen natio­na­li­sti­schen Ungeist. Er ist prä­sent. Zum Bei­spiel in Form über­di­men­sio­nier­ter Wahl­pla­ka­te von Vucic. Sie sind über­all, ande­re gibt es nicht. Oder zum Bei­spiel in Form der ser­bisch-kyril­li­schen Schrift. Sie brei­tet sich aus, obwohl sie in die­ser Gegend einst kaum hei­misch war. Nun dient sie im öffent­li­chen Raum als Abgren­zung zum Westen und Hin­wen­dung zu Russ­land sowie als Instru­ment des ser­bi­schen Nationalismus.

Stadt­schild in ser­bisch-kyril­li­scher Schrift: Die­se setzt sich über­all durch, geför­dert von der Vucic-Regie­rung und dient als poli­ti­sches Instru­ment. Die Inten­ti­on: Abgren­zung von Euro­pa und Hin­wen­dung zu Russland.
Reli­gi­on als poli­ti­sches State­ment: Die Mariä-Ent­schla­fens-Kir­che in Novi Sad ist ein Kul­tur­denk­mal und für das heu­ti­ge Regim von Bedeutung. 

Es gibt Men­schen, die die­se bedroh­li­che Ent­wick­lung mit gro­sser Sor­ge ver­fol­gen, gera­de in den Städ­ten, die pro­gres­si­ver ein­ge­stellt sind als die Land­be­völ­ke­rung. Aber hin­ter der Nor­ma­li­tät ver­birgt sich auch Angst. Das Regime ist gewalt­tä­tig. Das bewies es 2003 auf bru­ta­le Wei­se mit der Ermor­dung des demo­kra­ti­schen Prä­si­den­ten Zoran Din­dic. Oppo­si­ti­on ist gefähr­lich. Man kann nicht nur sei­nen Job ver­lie­ren, son­dern auch sein Leben. Das treibt vie­le ins Pri­va­te und in die inne­re Emi­gra­ti­on. So sitzt Vucic fester denn je im Sat­tel. Die Oppo­si­ti­on zer­stört, die Medi­en unter Kon­trol­le, die Recht­staat­lich­keit inexistent.

Was das bedeu­tet, zeigt sich in der Haupt­stadt Bel­grad, wo das auto­kra­ti­sche Regime den alten Stadt­teil Sava­ma­la abrei­ssen liess, um ein drei Mil­li­ar­den Euro schwe­res, aus Abu Dha­bi finan­zier­tes Luxus­pro­jekt mit einer Mil­li­on Qua­drat­me­ter Wohn­raum sowie 750’000 Qua­drat­me­tern Geschäfts­räu­men zu finan­zie­ren. Die betrof­fe­ne Bevöl­ke­rung wehr­te sich erbit­tert gegen die Bel­gra­de Water­front, jedoch ohne Erfolg. Letzt­lich ver­trie­ben ver­mumm­te Schlä­ger­trupps die letz­ten Bewoh­ner aus dem Quar­tier und ris­sen Gebäu­de ab. Ermitt­lun­gen dazu gab es nie.

Man­che bezeich­nen es spöt­tisch als Mini-Dubai: das neue Luxus­vier­tel Water­front in Bel­grad. Das Geld stamm­te offen­bar aus Abu Dha­bi, rund drei Mil­li­ar­den. Ver­mu­tet wird Kor­rup­ti­on. Dafür wur­de ein altes Stadt­quar­tier dem Erd­bo­den gleich gemacht, gegen den erbit­ter­ten Wider­stand der betrof­fe­nen Bevöl­ke­rung. Doch sie hat­te kei­ne Chan­ce gegen Vucics Pre­sti­ge­pro­jekt. Das Recht wur­de zugun­sten der Inve­sto­ren zurecht­ge­bo­gen. Und wo dies nicht funk­tio­nier­te, wur­de Gewalt ange­wen­det. So ver­trei­ben im April 2016 ein ver­mun­ter Schlä­ger­trupp die letz­ten Bewoh­ner und riss Gebäu­de im Pri­vat­be­sitz ab, wegen derer die Bau­ar­bei­ten nicht vor­an­ka­men. Die Poli­zei igno­rier­te die Hil­fe-Anru­fe. Ermitt­lun­gen dage­gen wur­den bis heu­te nicht aufgenommen. 
Wo die Save in die Donau mün­det: Die Save (vor­ne) entsr­pingt im sole­ve­ni­schen Krans­j­ka Gora, die Donau hat ihre Quel­le in Donau­se­schin­gen im Schwarz­wald. Unten: Impres­sio­nen aus Begl­rad, Haupt­stadt Serbiens.

Das Ver­schwin­den des­sen, was die Pan­no­ni­sche Tief­ebe­ne lan­ge aus­mach­te, erfolgt aller­dings nicht nur mit Gewalt und Druck, son­dern zuwei­len still und schlei­chend. Zum Bei­spiel in Bela Crk­va, dem ein­sti­gen Weiss­kir­chen, ganz im Westen der Voj­vo­di­na an der Gren­ze zu Rumä­ni­en und nahe den Kar­pa­ten. Hier sie­del­ten sich vor 300 Jah­ren Hun­der­te von Fami­li­en aus dem Schwarz­wald an. Sie waren dem Ruf der Kai­se­rin Maria The­re­sia gefolgt, die ihren Anspruch auf die nach den Tür­ken­krie­gen ent­völ­ker­ten Gebie­te mit Sied­lern festi­gen woll­te. Dar­aus ent­stand wie an vie­len ande­ren Orten ein lan­ge Zeit flo­rie­ren­des deut­sches Städt­chen. Heu­te frei­lich sind es nur noch ganz weni­ge, die ihre deut­sche Kul­tur leben – und sie wer­den wohl die letz­ten sein. Aber immer­hin: Im Herbst die­ses Jah­res fei­ert der vor 150 Jah­ren gegrün­de­te Jagd­ver­ein sein Jubi­lä­um. Dann wird noch­mals zurück­ge­blickt. Auch das ist Serbien.

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