Arm und krank? Fit und aktiv?

Juni 2023. Wel­ches Bild haben wir von den über 65-jäh­ri­gen in der Schweiz? Ein Blick in Medi­en und Inter­net zeigt: Unse­re Wahr­neh­mung ist von pola­ri­sier­ten Alters­bil­der geprägt: Älte­re Men­schen gel­ten ent­we­der als arm und krank – oder als fit und aktiv. Die­se Ste­reo­ty­pen hän­gen meist davon ab, ob die älte­re Gene­ra­ti­on in der Poli­tik als Kosten­fak­tor oder in der Wer­bung als Kund­schaft the­ma­ti­siert wird.* 

Frü­her genoss das Alter gesell­schaft­li­che Wert­schät­zung. Älte­re Men­schen wur­den für ihre Lebens­er­fah­rung, ihr Wis­sen und ihre Weis­heit respek­tiert. Man begeg­ne­te ihnen mit Ach­tung, und ihr Wort hat­te Gewicht.

Die­se Wert­schät­zung besteht immer noch. Aber sie wird stark von sche­ma­ti­schen Alters­bil­dern über­la­gert. “Vor­herr­schend sind idea­li­sier­te Bil­der des ‘ewig jun­gen Alters’ und nega­tiv besetz­te Bil­der des ‘hin­fäl­li­gen Alters’”, schreibt Simon Matz von “Stämpf­li Kom­mu­ni­ka­ti­on”. Dabei hand­le es sich um “pola­ri­sier­te Alters­bil­der”, die auf posi­ti­ven bezie­hungs­wei­se nega­ti­ven Extre­men aufbauten.

Gemischt posi­tiv-nega­tiv

Die­ser Befund wird durch wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se bestä­tigt. Die deut­sche Medi­en­wis­sen­schaft­le­rin Caja Thimm etwa spricht von sich wider­spre­chen­den Ste­reo­ty­pi­sie­run­gen: Die eine zeich­net das Bild des sozi­al iso­lier­ten und armen alten Men­schen; die ande­re das Bild einer mobi­len, sozi­al inte­grier­ten und akti­ven älte­ren Generation.

In die glei­che Rich­tung geht eine vor rund 20 Jah­ren ver­öf­fent­lich­te Natio­nal­fonds­tu­die zum The­ma Alters­bil­der. Sie beschreibt das gesell­schaft­li­che Bild des Alters als “gemischt nega­tiv-posi­tiv”. Zu den nega­tiv emp­fun­de­nen Aspek­ten gehört laut Stu­die der demo­gra­fi­sche Wan­del und die damit ver­bun­de­nen finan­zi­el­len Fol­gen. Posi­tiv bewer­tet wird dem­ge­gen­über die län­ge­re Lebens­er­war­tung. Die­se wird sowohl in per­sön­li­cher als auch in gesell­schaft­li­cher Hin­sicht als Berei­che­rung angesehen.

Alters­bil­der vom Kon­text abhängig

Die sich wider­spre­chen­den Ste­reo­ty­pen haben nicht zuletzt damit zu tun, in wel­chem Kon­text älte­re Men­schen the­ma­ti­siert wer­den. Ein Blick in die Medi­en und ins Inter­net ver­deut­licht dies: Älte­re Men­schen wer­den in der poli­ti­schen Debat­te oft nega­tiv als Kosten­fak­tor dar­ge­stellt. In der Wer­bung hin­ge­gen wird das posi­ti­ve Bild vom „jung­ge­blie­be­nen Alten“ gezeichnet.

In Bezug auf die Poli­tik lässt sich dies der­zeit vor allem in Sachen Alters­vor­sor­ge beob­ach­ten. Wäh­rend die Bür­ger­li­chen das Bild der „viel zu vie­len Rent­ne­rin­nen und Rent­ner” malen, die den Jun­gen auf der Tasche lie­gen, warnt die Lin­ke davor, dass ein Ren­ten­ab­bau vie­le alte Men­schen in exi­sten­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten bringt. Bei­des führt selbst­re­dend zu einer nega­ti­ven Pro­ble­ma­ti­sie­rung des Altseins.

Anders ver­hält es sich in der kom­mer­zi­el­len Wer­bung von Bran­chen wie etwa dem Tou­ris­mus oder der Ver­mö­gens­be­ra­tung: Hier wird die älte­re Gene­ra­ti­on in „cool-läs­si­ger, über­stei­ger­ter Vita­li­tät“ (Simon Matz) dar­ge­stellt. Ange­spro­chen wer­den sol­len damit vor allem die Baby-Boo­mer, die nun in Ren­te gehen und über Kauf­kraft ver­fü­gen. Sie wer­den als Markt immer wich­ti­ger. Und dar­um kre­iert die Wer­bung laut der Medi­en­wis­sen­schaf­te­rin Caja Thimm auch gezielt posi­ti­ve Bil­der über die älte­re Generation.

Älte­re Gene­ra­ti­on medi­al wenig präsent

Das ändert ins­ge­samt aber wenig dar­an, dass die älte­re Gene­ra­ti­on in den Medi­en und im Inter­net zwar zuneh­mend Inter­es­se fin­det, aber in der brei­ten Öffent­lich­keit nach wie vor wenig prä­sent ist. Vor­läu­fig blei­ben die älte­ren Men­schen ein The­ma, mit dem sich vor­ran­gig Fach­leu­te aus Poli­tik, For­schung und Inter­es­sens­ver­bän­den beschäftigen.

Was dabei zu kurz kommt, ist die media­le Bericht­erstat­tung über das ganz nor­ma­le Älter­wer­den. Die­ses dürf­te um eini­ges dif­fe­ren­zier­ter und facet­ten­rei­cher sein, als es uns die Ste­reo­ty­pen nahelegen.

*Die­ser Bei­trag wur­de im Auf­trag der VASOS ver­fasst und am 29. Juni 2023 in deren News­let­ter 06/07 ver­öf­fent­licht. Die VASOS ist die Ver­ei­ni­gung akti­ver Senio­rin­nen- und Selbst­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen der Schweiz.

Autor: Wal­ter Langenegger

Foto: Luci­an Ale­xe von Unsplash

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