Die Mär von der Demografie

Juni 2022. “Mor­gen, lie­be Kin­der­lein, wird es in der AHV nichts mehr geben”, hiess es schon zu einer Zeit, als die Baby­boo­mer noch im zar­ten Teen­ager-Alter waren. An die­sem Man­tra hat sich bis heu­te nichts geän­dert. So pro­gno­sti­zie­ren Büger­li­che und Wirt­schaft bei jeder Abstim­mung über die AHV gebets­müh­len­ar­tig den bal­di­gen Kol­laps der ersten Säu­le und for­dern Ren­ten­kür­zun­gen. Als Begrün­dung dient ihnen die Über­al­te­rung der Bevöl­ke­rung bzw. die soge­nann­te Demo­gra­fie. Doch stimmt das wirklich?

Pri­ma vista leuch­tet das Argu­ment ein: Tat­säch­lich gibt es immer mehr Rent­ne­rin­nen und Rent­nern mit einer immer höhe­ren Lebens­er­war­tung. Das ist auf Dau­er nicht ohne Defi­zi­te finan­zier­bar, so könn­te der Haus­ver­stand ver­mu­ten las­sen. Doch bei nähe­rem Hin­se­hen ent­puppt sich die­ses Argu­ment als nicht stich­hal­tig. Viel­mehr zei­gen die Zah­len des Bun­des­am­tes für Sozi­al­ver­si­che­run­gen (BSV) etwas ande­res: Näm­lich, dass die Demo­gra­fie für die AHV-Finan­zen eine nur unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielt. Viel wich­ti­ger ist die soge­nann­te Pro­duk­ti­vi­tät und die Ent­wick­lung der Löhne.

Blick auf die Zahlen

Zutref­fend ist, dass immer weni­ger Erwerbs­tä­ti­ge auf eine Rent­ne­rin bzw. einen Rent­ner kom­men, wie die Abbil­dung 1 zeigt. Gleich­zei­tig ver­deut­licht die Abbil­dung 2 aber, dass dies kaum ein Pro­blem dar­stellt: Denn nicht nur die Zahl der Ren­ten stieg seit 1948 kon­ti­nu­ier­lich, son­dern eben­so die Ein­nah­men der AHV aus den Lohn­bei­trä­gen von Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­men­den (das soge­nann­te Umla­ge­ver­fah­ren). Und zwar stie­gen die Erträ­ge in dem Mas­se, dass die Ren­ten bis heu­te immer gedeckt wer­den konn­ten, wie Abbil­dung 3 dokumentiert.

Höhe­rer Out­put pro Kopf

Grund dafür ist der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt. Er führt dazu, dass die Erwerbs­tä­ti­gen pro Kopf heu­te eine viel höhe­re Lei­stung und einen viel grö­sse­ren Out­put erbrin­gen als noch vor Jahr­zehn­ten. Brauch­te es bei­spiels­wei­se frü­her mona­te­lang hun­der­te von Män­nern mit Schau­fel, Pickel und Mau­rer­kel­le, um ein Gebäu­de hoch­zu­zie­hen, machen das heu­te ein Dut­zend gut aus­ge­bil­de­ter Fach­leu­te mit hoch­mo­der­nen Maschi­nen in der Hälf­te der Zeit. Oder: Benö­tig­ten die Ban­ken vor 30 Jah­ren noch Heer­scha­ren von Data­ty­pi­stin­nen für die Abwick­lung des Zah­lungs­ver­kehrs, läuft heu­te alles digi­tal und über­wacht von weni­gen gut­be­zahl­ten Infor­ma­ti­ke­rin­nen und Infor­ma­ti­kern. Und noch dies: Der Fort­schritt hat­te auch zur Fol­ge, dass ein ein­zel­ner Bau­er heu­te 130 Men­schen ernährt, so vie­le wie noch nie.

Das heisst: Immer weni­ger Men­schen lei­sten dank Fort­schritt und Bil­dung in immer weni­ger Zeit einen immer grö­sse­ren Mehr­wert. Das nennt sich Pro­duk­ti­vi­tät. Je höher die Pro­duk­ti­vi­tät, desto höher die Löh­ne. Und je höher die Löh­ne, desto mehr Geld fliesst über die Lohn­pro­zen­te in die AHV. Und je höher die natio­na­le Lohn­sum­me Jahr für Jahr steigt, desto mehr Alters­ren­ten kön­nen Jahr für Jahr finan­ziert werden.

AHV schreibt Überschüsse

Was das kon­kret bedeu­tet, zeig­te sich in den letz­ten 20 Jah­ren: Inner­halb die­ser Zeit stiegt die Zahl der Alters­ren­ten um 60% von 1,5 auf über 2,4 Mil­lio­nen, wäh­rend die Zahl der Beschäf­tig­ten nur um rund 28% von 4,5 auf 5.8 Mil­lio­nen anwuchs. Trotz­dem schrieb die AHV Über­schüs­se und schloss 2020 mit einem Jah­res-Plus von fast zwei Mil­li­ar­den ab. Die Erklä­rung dafür: Zwi­schen 2000 und 2020 erhöh­ten sich die jähr­li­chen Ein­nah­men aus den Bei­trä­gen von Arbeit­ge­bern und Ver­si­cher­ten von gut 20 Mil­li­ar­den auf über 35 Mil­li­ar­den Fran­ken, was eine Ertrags­zu­nah­me von sage und schrei­be 70 Pro­zent aus­macht (sie­he Excel-Tabel­len des BSV: Tabel­le Ver­si­cher­te und Alters­ren­ten, Tabel­le AHV-Finan­zen)

Das ver­deut­licht, dass nicht die Demo­gra­fie, son­dern die Wirt­schafts­ent­wick­lung und die Höhe der Löh­ne die ent­schei­den­den Fak­to­ren für die AHV-Finan­zen sind. Das Sozi­al­werk ist so kon­stru­iert, dass es lau­fend einen klei­nen Teil der aktu­el­len Wirt­schafts­lei­stung für die Alters­vor­sor­ge abschöpft. Ein­fach aus­ge­drückt: Solan­ge die Wirt­schaft läuft, hat es auch Geld für die AHV. Die AHV nimmt damit sozu­sa­gen die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung mit (Abbil­dung 4).

„Zuver­läs­sig“ fal­sche Prognosen

Das ist der Grund, wes­halb die AHV auch heu­te noch als fast 75jährige Dame ziem­lich gesund und rüstig unter­wegs ist. Trotz­dem wer­den die­se Zusam­men­hän­ge in der poli­ti­schen Debat­te von den bür­ger­li­chen Par­tei­en und der Finanz­wirt­schaft kon­se­quent aus­ge­blen­det. Die Fol­ge davon ist, dass sich bis­her alle  Pro­gno­sen zu den AHV-Finan­zen immer wie­der als viel zu pes­si­mi­stisch erwie­sen haben.

Typisch dafür war zum Bei­spiel die gross ange­leg­te Ana­ly­se des Bun­des­ra­tes 1996 mit den soge­nann­ten IDA-Fiso-Berich­ten. Dem­nach hät­te die AHV ab dem Jahr 2000 nur noch Defi­zi­te schrei­ben müs­sen. Das trat (wie oben auf­ge­zeigt) nicht ein. Und die dicken Exper­ten-Berich­te wur­den zur teu­ren Maku­la­tur. Aller­dings führ­ten die­se Pro­gno­sen und die Panik­ma­che mit der Demo­gra­fie dazu, dass in gro­ssen Tei­len der Bevöl­ke­rung der ver­zerr­te Ein­druck vor­herrscht, der AHV gehe es schlecht – was selbst­re­dend die Bereit­schaft zum Spa­ren erhöht.

Was dies alles für die Abstim­mung über die AHV21 heisst, liegt auf der Hand: Es gibt kei­nen Grund, das Frau­en­ren­ten­al­ter zu erhö­hen und der Bevöl­ke­rung eine Anhe­bung der Mehr­wert­steu­er von 0,4 Pro­zent zuzu­mu­ten. Dar­um tun wir gut dar­an, am 25. Sep­tem­ber ein Nein ein­zu­wer­fen und damit den Weg frei­zu­ma­chen für Model­le, mit denen die tem­po­rä­re und über­schau­ba­re “Baby­boo­mer-Pha­se” ohne Bela­stun­gen der unte­ren und mitt­le­ren Ein­kom­men bewäl­tigt wer­den kann.

Wal­ter Langenegger

Wis­sens­wer­tes über die AHV:

https://www.bsv.admin.ch
/​bsv/​de/​home/​sozialversicherungen/​
ahv/​
finanzen-ahv.html

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